Stefan Emmerling ist Anfang Juli zum BSV Kickers Emden zurückgekehrt. Der 53-jährige Fußballlehrer hatte die Emder bereits zu Drittligazeiten von 2007 bis 2009 trainiert. Im Seitenlinie-Interview spricht Emmerling über die neue Oberliga-Saison, seine Ziele und die besondere Bindung zum BSV.

Seitenlinie: Moin Stefan! Wie oft benutzt du aktuell noch dein Navigationsgerät in Emden und Umgebung?
Stefan Emmerling: Eigentlich gar nicht. Ich kenne mich hier ja noch ganz gut aus und erinnere mich an viele Sachen – und so viele Straßen gibt es in Emden ja auch nicht. (lacht)

Seitenlinie: Der Punkt „Eingewöhnung“ war also kein Problem?
Emmerling: Es ist natürlich vorteilhaft, dass ich schon mal hier gearbeitet habe – auch wenn das schon zehn Jahre her ist. In der Stadt hat sich zwar ein bisschen verändert, aber auch nicht so viel.

Seitenlinie: Deine Rückkehr nach Emden hat viele überrascht. Dich auch?
Emmerling: Überrascht war ich, als mich Jörg Winter im Urlaub angerufen und mir von Kickers erzählt hat. Ich war natürlich informiert und wusste, dass die Mannschaft in die Oberliga aufgestiegen ist. Wir haben ein bisschen geplaudert – und dann habe ich Jörg gefragt, warum er mich angerufen hat.

Seitenlinie: Wie lange hat es von der Anfrage bis zur Einigung gedauert – und wie kam es überhaupt dazu?
Emmerling: Rund eine Woche. Als ich aus dem Urlaub zurück war, kam Fahrt auf. Wir haben uns einmal in Bochum getroffen und abschließend in Emden – dann waren wir uns einig. Es war schön, über die alten Zeiten zu reden. Aber klar ist auch: Die alten Zeiten kann dir keiner zurückholen. Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, was als Nächstes kommt und mich gefragt: Willst du wieder einen Abstiegskandidaten in der 3. Liga oder in der Regionalliga übernehmen? Oder gehst du zu einem Verein, egal in welcher Liga, und versuchst, dort etwas zu entwickeln? Deshalb kam der Wechsel nach Emden für mich nicht überraschend. Ich bin froh, wieder hier zu sein.

Seitenlinie: Du hast also nicht lange überlegt, als die Anfrage kam?
Emmerling: Natürlich macht man sich Gedanken darüber. Ich wollte wissen, welchen Weg der Verein gehen will. Wie sieht die Perspektive aus? Was sind die Ziele?

Seitenlinie: Wie würdest du diese Fragen beantworten?
Emmerling: Wir wollen seriös arbeiten und sollten nicht durchdrehen, nur weil wir aufgestiegen sind oder weil ich wieder da bin. Der Verein kann nur das Geld ausgeben, das ihm zur Verfügung steht. Es gilt, Strukturen zu verbessern, im Stadion einige Dinge schöner zu machen und sich intensiver um den Platz zu kümmern – diese Aufgabe hat wieder Anton Frikke übernommen. Das alles sind Dinge, die mir in den ersten Tagen aufgefallen sind und bei denen wir ansetzen müssen. Über allem steht aber natürlich die Mannschaft – und die muss konkurrenzfähig sein.

Seitenlinie: Das heißt, es kann noch Neuzugänge geben?
Emmerling: Das Thema wird uns wohl noch bis zur Winterpause beschäftigen. Wir haben uns ja schon einige Gastspieler angesehen. Und es wird auch Spieler geben, die keinen neuen Verein finden, uns aber weiterhelfen können.

Seitenlinie: Auf welcher Position siehst du noch Bedarf?
Emmerling: Unser Kader ist nicht breit aufgestellt. Wir müssen aber eine Konkurrenzsituation entwickeln, damit sich kein Spieler zu sicher ist. Somit besteht in allen Mannschaftsteilen Bedarf – mit Ausnahme der Torhüterposition. Es könnte aber sein, dass wir noch einen jungen Keeper als dritten Torwart dazuholen.

Seitenlinie: Nach deinem Abschied aus Emden im Jahr 2009 hast du unter anderem Rot-Weiss Ahlen, Rot-Weiß Erfurt und den SC Paderborn trainiert. Welche deiner Stationen hat dich meisten am geprägt?
Emmerling: Ganz klar die beiden Jahre bei Kickers. Das war nicht nur für mich eine schöne Zeit, sondern auch für alle aus der Stadt und Umgebung. Wir haben mit wenig Mitteln etwas Tolles aufgebaut, einige Favoriten geschlagen und in der Saison 2008/09 lange um den Aufstieg in die 2. Bundesliga mitgespielt. Leider ist uns in der zweiten Saisonhälfte etwas die Puste ausgegangen. Unser Kader war damals nicht sehr groß, daher haben uns Verletzungen und Sperren arge Probleme bereitet. Die Ausfälle konnten wir leider nicht auffangen.

Seitenlinie: Man merkt, der BSV hat für dich einen hohen Stellenwert.
Emmerling: Natürlich, sonst wäre ich ja auch nicht zurückgekehrt. Nachdem ich bei Fortuna Düsseldorf und Alemannia Aachen jeweils die zweite Mannschaft trainiert hatte, war Kickers sozusagen meine erste Profistation als Coach. Im ersten Jahr ist uns direkt die Qualifikation zur eingleisigen 3. Liga gelungen. Es war sensationell, auf dem Rathausbalkon zu stehen. Gefühlt stand ganz Emden unten auf dem Rathausplatz. Solche Erlebnisse bleiben einfach hängen – nicht nur bei mir. Ich wurde in den vergangenen Wochen schon mehrfach in der Stadt auf die Zeit angesprochen. Ein älterer Mann hat zu mir gesagt: „Ich war zehn Jahre lang nicht mehr im Stadion. Jetzt werde ich aber wieder öfter zu Kickers gehen.“ Das macht mich schon stolz und zeigt mir auch, dass wir damals einen guten Job gemacht haben – alle, die daran mitgearbeitet haben.

Seitenlinie: Apropos Job. Du bist ja nicht nur Trainer, sondern hast bei Kickers jetzt auch andere Aufgaben. Welche sind das genau?
Emmerling: Das betrifft eigentlich alle Bereiche rund um den Verein. Zunächst einmal muss man dem Vorstand um Jörg Winter und Albert Ammermann hoch anrechnen, dass sie erkannt haben, dass ein Verein nicht wie ein Unternehmen geführt werden kann. Durch den Aufstieg in die Oberliga besteht die Chance, eine Aufbruchstimmung in der Region zu erzeugen. Jetzt muss man in allen Bereichen losmarschieren: Sponsoren reaktivieren, die damals mit dabei waren, neue Sponsoren für den BSV begeistern. Es gilt auch, Baustellen, die nach dem Abstieg aufgetreten sind, zu beheben. Ganz wichtig ist, dass wir positiv auf die Menschen und auch die Vereine in der Umgebung zugehen, sie alle mit ins Boot holen.

Seitenlinie: Wie sehen denn die mittelfristigen Ziele aus?
Emmerling: Es wäre schön, wenn es uns gelingt, dass in Emden irgendwann mal wieder Regionalliga-Fußball gespielt wird. Nach dem Aufstieg steht aber der Klassenerhalt im Vordergrund. Wir wollen möglichst bis zum letzten Spieltag nichts mit dem Abstieg zu tun haben und uns in der Oberliga konsolidieren. Sollten es die Möglichkeiten in Zukunft hergeben, würden wir auch einen Angriff auf die Regionalliga starten.

Seitenlinie: Welchen Eindruck hast du nach den ersten Wochen von der aktuellen Mannschaft?
Emmerling: Sie ist sehr homogen und eingespielt. Den Jungs ist unter meinen Vorgängern mit dem Aufstieg etwas Tolles gelungen, das ihnen niemand mehr nehmen kann. Die Oberliga wird für jeden Spieler eine große Herausforderung. Die Mannschaft ist sehr motiviert, sich den höheren Anforderungen zu stellen. Ich bin gespannt, wie konkurrenzfähig wir sein werden.

Seitenlinie: Gespannt bist du wahrscheinlich auch auf die Oberliga. Was für eine Liga erwartet euch?
Emmerling: Die Stärke der einzelnen Teams ist schwierig einzuschätzen. Bei unserem 2:1-Sieg im Pokal-Achtelfinale beim TB Uphusen konnte man aber schon sehen, dass uns nichts geschenkt wird und wir immer an unsere Leistungsgrenze gehen müssen. Das Einzugsgebiet – beispielsweise im Raum Bremen – ist natürlich ein ganz anderes als bei uns. Dort gibt es einige Oberliga- und Regionalliga-Vereine, da kannst du schon mal den einen oder anderen guten Fußballer abgreifen. Ich habe aber großes Vertrauen in meine Mannschaft. Gerade mit ihrer Mentalität und Einstellung werden die Jungs den Gegnern Paroli bieten und auch viele Punkte einfahren.

Seitenlinie: Wie bewertest du die Vorbereitung?
Emmerling: Wir hatten große Probleme, weil uns einige verletzte Spieler gefehlt haben. In der Phase mussten wir innerhalb von fünf Tagen viermal spielen – beim Ostfriesland-Cup, gegen den Regionalligisten SSV Jeddeloh und beim Saris-Cup. Dieses Pensum war schon fast unmenschlich und hat Spuren hinterlassen. Deshalb sind wir beim Ostfriesland-Cup auch ausgeschieden – die Akkus der Jungs waren einfach leer. Solche Rückschläge gibt’s aber immer mal in der Vorbereitung. Wichtig war, dass nach und nach einige verletzte Stammspieler wieder zurückgekehrt sind.

Seitenlinie: Das Fazit fällt also durchwachsen aus?
Emmerling: Zu Beginn konnten wir wegen der Testspiele relativ wenig trainieren. Da die Jungs aber zusammengeblieben sind, sind sie auch eingespielt und kennen sich gut. Deshalb glaube ich, dass die Abläufe stimmen. Das wäre bei einem komplett neuen Kader problematischer gewesen.

Seitenlinie: Was für eine Art von Fußball möchtest du spielen lassen?
Emmerling: Kickers Emden hat schon damals ausgezeichnet, dass wir eine mental starke Mannschaft hatten, die laufstark und total eklig im Zweikampf war und nach Ballgewinn schnell umgeschaltet hat. Ich möchte, dass wir möglichst attraktiven Fußball spielen und über 90 Minuten Vollgas geben können. Die Taktik hängt dann auch immer vom jeweiligen Gegner ab.

Seitenlinie: Findest du es positiv oder negativ, mit einem Heimspiel in die Saison zu starten?
Emmerling: Das ist egal, denn man kann es sowieso nicht beeinflussen. Natürlich ist es ungewöhnlich, dass wir eine Woche vor dem Oberliga-Auftakt schon im Pokal gegen Uphusen spielen mussten. Obwohl es der gleiche Gegner ist, erwarte ich aber ein ganz anderes Spiel – und hoffe, dass viele Fans ins Ostfriesland-Stadion kommen.

Seitenlinie: Worauf freust du dich in Bezug auf den Saisonstart besonders?
Emmerling: Darauf, dass es endlich wieder losgeht und die Vorbereitung vorbei ist. Wir sind jetzt als Team gefordert und man wird sehen, was dabei herauskommt.

Seitenlinie: Abschließend noch eine Frage, die sich auf deine Idee bezieht, irgendwo einmal etwas entwickeln zu wollen. Warum Kickers Emden?
Emmerling: Weil Kickers Emden eine Herzensangelegenheit für mich ist. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit meiner Zeit beim BSV. An diese Dinge denkt man häufig, wenn man keinen Verein hat. Der Plan ist schon lange gereift, so etwas mal zu machen. Jetzt hat sich die Situation so ergeben, dass ich einen Anruf bekommen habe und wir uns einig geworden sind. Deshalb: Warum Kickers Emden? Weil ich hier mit die schönste Zeit in meiner Trainerkarriere hatte.

Interview: Ingo Poppen
Bilder: Jens Doden